Fehlende gesamtwirtschaftliche Perspektive
Die bisherigen Studien zum Netzausbau sind den Gutachtern zu technisch bzw. betriebswirtschaftlich geprägt. Für eine klima- und energiesystemorientierte Gesamtbetrachtung sei vielmehr eine gesamtwirtschaftliche Betrachtungsweise erforderlich. Diesem Anspruch wird die dena-Netzstudie II nicht gerecht, da sie den Nutzen des Netzausbaus in unterschiedlichen Varianten, z.B. hinsichtlich CO2-Vermeidung oder Brennstoffeinsparung, nicht quantifiziert. Dadurch ist nach Ansicht der Autoren kein gesamtwirtschaftlicher Alternativenvergleich möglich. Im europäischen Infrastrukturpaket (EIP) erfolgt die Bewertung unterschiedlicher Projekte hingegen im Rahmen einer gesamtwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Analyse.
Zu kurzer Zeithorizont / mangelnde Problematisierung von Zielkonflikten
Damit auch die langfristigen politischen Ziele berücksichtigt werden, müssen nach Ansicht der Autoren die kurzen zeitlichen Betrachtungshorizonte in den Studien zu Langfristbetrachtungen bis 2050 verlängert werden.
Die dena-Netzstudie II liefere für die Netzausbauplanung der nächsten 5 bis 10 Jahre wenig neue Erkenntnisse im Vergleich zur dena-Netzstudie I. Umgekehrt ist sie nicht darauf ausgelegt, die Transformation der Energieversorgung bis 2050 mitzugestalten, da ihr Betrachtungshorizont im Jahr 2020 endet. Dies ist verbunden mit einem hohen Anteil fossiler Stromerzeugung, insbesondere auf Basis von Braun- und Steinkohle. Dabei bleibt die weitgehende Umstellung des Stromsektors auf Erneuerbare Energien als längerfristiges Ziel außer Acht, ebenso wie eine langfristige Veränderung der Elektrizitätsnachfrage. Der Zielkonflikt zwischen Infrastrukturausbau und alternativem Kapazitätsausbau werde in den Studien nicht ausreichend problematisiert.
Institutionelle und strukturelle Defizite
Zwar befassen sich viele Studien mit dem für die Integration der Erneuerbaren Energien erforderlichen Netzausbau, lassen jedoch die Frage nach der institutionellen und organisatorischen Umsetzung unbeantwortet. Dabei sehen die Autoren auch die Interessenkonflikte der unterschiedlichen Akteure (Stromerzeuger, Netzbetreiber, Aufsichtsbehörden) zu wenig berücksichtigt.
So gehen dena I und II vom Status quo der Netzausbauplanung aus. Da die Netzausbauziele der dena-I-Studie bis 2015 voraussichtlich nicht erreicht werden, seien die getroffenen Annahmen von dena II hinfällig. Auch auf europäischer Ebene erfolgt der Infrastrukturausbau wesentlich langsamer als geplant. Das Programm „Transeuropäische Netze“, wurde analog zu dena-I als ineffektiv evaluiert und in der Folge eingestellt. Inwieweit die Maßnahmen des EIP in der Folge zu einer beschleunigten Umsetzung führen, sei abzuwarten. Jedenfalls führen die Gutachter die Verzögerungen im Netzausbau auf die Ineffizienz der bisherigen Planungsinstrumente und -prozesse zurück. Sie halten eine Reform des institutionellen Rahmens für erforderlich, um die Effizienz des Planungsverfahrens zu steigern. Es bedürfe neuer Ansätze zur Planung und Entwicklung des Netzausbaus, z.B. eines einheitlichen Bundesenergiewegeplans, der unter allen Netzbetreibern und Bundesländern koordiniert wird bis hin zu einem europäisch integrierten Netzausbauplan. Es stelle sich die Frage, wer und wie die Planung, Finanzierung und Kontrolle des Systems sicherstellen soll.
Fehlende Transparenz sorgt für mangelnde Akzeptanz
Sowohl auf europäischer als auch nationaler Ebene besteht zwischen Übertragungsnetzbetreibern und Aufsichtsbehörden (Ministerien, Regulierungsbehörden) eine Informationsasymmetrie. Die Netzbetreiber verfügen über die Daten und führen Modellrechnungen aus, die dena hat in Deutschland eine koordinierende Funktion, während die Ministerien nicht direkt an den Planungen beteiligt sind. Dies wird nach Ansicht der Autoren der Infrastrukturverantwortung des Staates nicht gerecht und schwächt die Akzeptanz von Infrastrukturprojekten. Das EIP sieht zwar transparente Verfahren unter Beteiligung der Öffentlichkeit vor. Das zugrunde liegende Modell für langfristige Szenarien erscheint den Autoren jedoch zu wenig transparent. Eine höhere Transparenz des Prozesses der Energiewegeplanung würde nach Einschätzung der Autoren nicht nur die Urteils- und Diskussionsfähigkeit der Behörden und der Fachwelt verbessern, sondern auch die Akzeptanz für größere Infrastrukturprojekte.
Gesamteuropäische versus nationale Perspektive
Die dena-Netzstudie II betrachtet wegen des kurzfristigen Zeithorizonts nicht die Integration in ein europäisches Netz, jenseits des 10-Jahres-Netzentwicklungsplans der Übertragungsnetzbetreiber. Im Vergleich dazu steht der Infrastrukturausbau im Europäischen Infrastrukturprogramm in größerem Zusammenhang. Das EIP stärkt den Ansatz überregionaler und transnationaler Planungen und der Planungshorizont ist länger. Allerdings beruht der Infrastrukturausbau beim EIP auch auf den Berechnungen isoliert betrachteter nationaler Ausbaupläne und nicht integrierter Lastflüsse. Nach Einschätzung der Autoren sollte die Netzplanung mit Szenarienanalysen bezüglich alternativen Markdesigns arbeiten, denn sie gehen davon aus, dass der Netzausbaubedarf bei einer europaweiten integrierten Gesamtbetrachtung geringer ausfallen würde.